Gestern veröffentlichte der Club ein umfassendes Interview mit dem neuen Trainer der Mannschaft, Fran Fernández. Kann man seine Aussagen zu der Art, wie er spielen lassen will, vor dem Hintergrund der bisherigen 4 Sparrings schon bewerten oder interpretieren?

Im ausführlichen Interview (lässt sich mit Hilfe eines Übersetzungstools gut lesen) geht es natürlich um eine ganze Reihe von Fragen, die nicht direkt mit Fußball zu tun haben, etwa zu seiner neuen Umgebung, die Sprachbarriere, und ob er sich mit seinen spanischen Vorgängern zur „Los Karpatos“ Zeit über den Club ausgetauscht hat (hat er nicht, obwohl er beide kennt). Uns interessiert natürlich das Sportliche. Hier sind einige Auszüge.
Zur allgemeinen Philosophie:
Ich verfolge keine bestimmte Philosophie – ich halte mich an mein eigenes Modell, das ich über die Jahre aufgebaut habe, und passe mich im Rahmen dieses Modells an die Spieler im Team an. Denn am Ende des Tages kann man nicht überall gleich spielen, wenn man Spieler mit unterschiedlichen Eigenschaften hat. Deshalb versuche ich ein Modell zu entwickeln, das nicht das Fran-Fernández-Modell ist, sondern das Karpaty-Modell. Eines, das gut zu den Spielern passt, die wir derzeit haben
Zum Spielstil:
Unser Anspruch ist es, eine proaktive Mannschaft sein, die versucht, das Spiel zu kontrollieren, Initiative zu ergreifen, den Ball früh zurückzugewinnen und konsequent im Pressing zu arbeiten. Und im Ballbesitz müssen unsere Aktionen klar und strukturiert sein.
Zu den Prioritäten im Trainingslager:
Als spanischer Trainer stehe ich für offensiven Fußball, für Teamplay, für kombinationsorientiertes Spiel und für Ballkontrolle, weil uns das ermöglicht, mehr anzubieten und mehr Torchancen zu kreieren. Gleichzeitig ist aber klar: Ein Trainer muss zuerst an der Defensive arbeiten. Das ist der einfachere Teil, und aus meiner Sicht nehmen die Spieler das auch leichter an. Ich sage den Spielern immer: Wenn ihr so verteidigt, wie ich es mir vorstelle – als Block, als Mannschaft –, dann passe ich mich in der Offensive an euch und eure Stärken an. […] Jetzt beginnen wir Schritt für Schritt mit der Arbeit an der Offensive – und der widme ich große Aufmerksamkeit. Wenn wir Spiele dominieren und unser Denken verändern wollen, brauchen wir eine stärkere Siegermentalität. Wir müssen ambitionierter werden, mehr Hunger auf Siege und auf Tore entwickeln. Genau hier sehe ich die Veränderung, die wir brauchen. […] Taktische Anpassungen und personelle Veränderungen werden danach folgen. Aber der erste Schritt, den wir als Mannschaft machen müssen, ist ein mentaler. Wenn uns das gelingt und wir zu einer ambitionierten, dominanten Mannschaft werden, bin ich überzeugt, dass wir viele Punkte holen werden.
Im Kontext der Leistungen in den 4 bisherigen Sparrings
Zu seinem „Modell“ kann man natürlich an dieser Stelle nicht viel sagen – es muss sich am Ende ja auf dem Rasen in der Spielweise der Mannschaft manifestieren. Und wie er spielen möchte, hat er ja schon etwas konkreter gemacht:
- Ballbesitz.
- Pressing.
- Kombinationsfußball.
Grundsätzlich sind dies Begriffe, die man – z.B. noch in der letzten Saison – ohne weiteres auch mit der Philosophie seines Vorgängers, Vladyslav Lupaschko, verbunden hätte. Freilich steckt die Tücke im Detail:
- Wie komme ich aus der Defensive so schnell (und sicher) wie möglich in die Offensive?
- Wie kreiere ich meine Torchancen?
- Welche Aufgaben übernehmen die Spieler auf den verschiedenen Positionen?
Und fast noch wichtiger:
- Was mache ich, wenn mein Spiel nicht in Gang kommt (hohe Fehlerquote, schlechte Laufwege etc.)?
- Habe ich einen Plan B, wenn es so gar nicht läuft (z.B. bei Rückstand, bei Gegnern, die meine Taktik effektiv neutralisieren, bei Platzverweisen etc.)?
Genau diese Punkte sind es ja letztlich, wo Lupaschko zuletzt nicht mehr in der Lage war, das Spiel seiner Mannschaft auf dem notwendig hohen Niveau zu konsolidieren. Es ist ganz normal und sicher kein Vorwurf, dass ein Interview vor Beginn der Rückrunde uns darüber keinen Aufschluss geben kann; man wird abwarten müssen, wie das Team dann mit solchen Situationen umgehen kann.
Das Trainingslager ist aktuell noch im Gange, die erste Hälfte der Sparrings ist gespielt. Die Leistungen darin gegen durchwegs auf dem Papier schwächere Gegner waren etwas ernüchternd. Das kann natürlich daran liegen, dass die Mannschaft noch im Prozess ist, das System des neuen Trainers zu lernen und auf den Rasen zu bringen. Auch ist es sicher normal, in Trainingsspielen hier und da zu experimentieren. Aber bezogen auf die oben genannten Kernpunkte fiel folgendes auf:
- Das kombinationsorientierte Spiel wirkte ein wenig wie die Fortsetzung des Stils unter Lupaschko (was nichts schlechtes ist, solange es funktionoiert).
- Der Übergang aus der Defensive in die Offensive wirkte etwas langsamer. Es gab mehr Pässe in der Nähe des eigenen Strafraums, was im Spiel gegen Värnamo nach einem vermeidbaren Fehler auch direkt zu einem Gegentor führte.
- Systematsiches Pressing war praktisch überhaupt nicht zu beobachten. Die Mannschaft zog sich bei gegnerischen Angriffen oft in die eigene Hälfte zurück.
- Es gibt offenbar noch keine Präferenz für eine bestimmte Formation. In Lupaschkos 4:1:4:1 (oder auch: 4:1:2:3) war mit echten Flügelspielern und ohne Spielmacher gespielt worden, was Fernández in einigen Trainingsspielen ebenfalls ausprobierte, während bei 4:2:3:1 Oleh Fedor sein großes Talent als Spielmacher zeigen konnte, aber das Fehlen eines echten Mittelstürmers im Kader brutal deutlich wurde.
Fernández sagt auch an anderer Stelle im Interview, dass mögliche Ab- und Zugänge den zu entwickelnden Stil und die Spielphilosophie beeinflussen werden. Aktuell wird ja mit dem Abgang von drei weiteren Leistungsträgern gerechnet, die durch die bisher 5 Zugänge vom „Partnerverein“ Rukh nicht kompensiert werden können, da diese vor allem andere Lücken im Kader stopfen müssen (außer vielleicht Edson, den man als direkten Ersatz für Pablo Álvarez betrachten könnte).
Wenn Fernández vorhat, mit einem echten Spielmacher zu spielen, wird sich Oleh Fedor in dieser Rolle sicher schnell entwickeln, und ein Bruninho (falls er dann wider Erwarten noch da wäre) würde dann auf den Flügel ausweichen müssen, wo es aber mit derzeit Fabiano, Stênio, Ilya Kvasnytsya, Yan Kostenko, Yaroslav Karabin und Paulo Vitor aktuell mehr als ein wenig eng ist. Zudem passt Igor Neves nicht in ein solches System. Er braucht weiter aufgerückte Flügelspieler, um sich zurückfallen lassen zu können, und für eine klassiche „9“ fehlt ihm auch ein wenig die Physis. Da die ja eigentlich mit Rukh bereits beschlossene Verpflichtung von Baboucarr Faal wohl scheitern wird, wird es hier richtig eng: weder Yan Kostenko noch Yaroslav Karabin konnten wirklich im Sturmzentrum überzeugen, und ein guter Mittelstürmer ist auch für gutes Geld nicht leicht zu finden.
Eine weitere taktische Variante wäre, bei Lupaschkos 4:1:2:3 – also nur mit einem defensiven MIttelfeldspieler – zu bleiben, das aber neu zu interpretieren. In zwei der bisherigen 4 Sparrings ist das sogar schon versucht worden, allerdings wirkte Fedor in einem doppelt besetzten zentralen Mittelfeld nicht ganz glücklich. Hier dürfte noch einiges an Experimentieren notwendig sein.
Kommende Woche geht es dann in die „zweite Runde“ der Trainingsspiele. Auch da warten keine „Hochkaräter“ mehr. Ein solcher kommt dafür gleich in der nächsten Runde der UPL: am 22. Februar geht es auswärts gegen Serienmeister Schakhtar. Wenn man dort nicht komplett untergehen will und sich die Chancen auf eine einigermaßen erfolgreiche Rückrunde erhalten, dann muss sich die Mannschaft in diesen 3 Wochen quasi im Expresstempo entwickeln.
Fran Fernández ist der dritte spanische Karpaty-Trainer. Die ersten beiden, Sergio Navarro und Fabri González waren zuvor gescheitert (tatsächlich war der dritte „Latino“-Trainer der ersten „Los Karpatos“ Phase, José Morais, kein Spanier sondern Portugiese und im Gegensatz zu den anderen beiden recht erfolgreich). Über die Vertragsdetails von Fran Fernández ist nichts bekannt, aber generell wird damit gerechnet, dass er die Mannschaft für den Rest der laufenden Saison betreuen und alles andere von den da erzielten Resultaten abhängen wird.
