Wieder alles neu – die Saison 2019/2020

Die letzten 2 Jahre waren wieder einmal turbulent gewesen für die Grünweißen. Im Jahr 2017 war “Los Karpatos” aus der Taufe gehoben worden – südamerikanische Perspektivspieler, Trainer aus Spanien und Portugal und das Versprechen, die Mannschaft würde bald “spanisch” spielen – schön und erfolgreich. Weniger offensichtlich war ein Aspekt, der der ökonomischen Notwendigkeit geschuldet war: der Club brauchte dringend Einnahmen, um zu überleben, und hierzu sollten junge Spieler entwickelt werden, die man dann gewinnbringend würde verkaufen können.

Roman Sanzhar, Photo: © Informationszentrum «FC Karpaty»

Wir erinnern uns, mit dem sportlichen Aufschwung hatte es nicht so recht geklappt. Das Trainerkarussell war unentwegt am rotieren, und der wohl beste Trainer der letzten Jahre, José Morais, war schon nach wenigen Monaten wieder weg, weil auch andere mitbekommen hatten, dass der Mann etwas konnte.

Auch wenn manche nicht glücklich über den hohen Anteil von Legionären waren, gab es in dieser Zeit doch einige Verpflichtungen, die sich sehen ließen: Marian Shved kehrte aus Spanien zurück und wurde schnell zum Leistungsträger seiner Mannschaft, Jorge Carrascal, ein zuvor durch Verletzung zurückgeworfenes Toptalent aus Kolumbien, entwickelte sich prächtig und hatte einen wesentlichen Anteil am Klassenerhalt am Ende der vorletzten Saison, und schließlich konnte Francisco Di Franco, ein junger Argentinier, der bei Boca Juniors in der ersten Mannschaft nicht zum Zug gekommen war, charakterlich und spielerisch überzeugen. Das war keine schlechte Ausbeute, wenn man bedenkt, dass der Club hier mit einer Art “zero budget” Strategie heranging: sehr junge Spieler ohne Ablöse oder auf Leihbasis mit Kaufoption. Dass der größere Teil der vielen Verpflichtungen sich nicht durchsetzen konnte und wieder freigestellt wurde, war daher problemlos zu verkraften.

So wenig befriedigend die “Los Karpatos” Ära sportlich war, trug sie doch zur finanziellen Konsolidierung bei: durch die Verkäufe von Shved, Carrascal, Lebedenko und anderen konnten signifikante Einnahmen erwirtschaftet werden, so dass wiederum einige alte Schulden beglichen werden konnten.

Der Umbruch

Im Juni gelang dann Interimstrainer Oleksandr Chyzhevskyj in zwei dramatischen Spielen im Playoff gegen die westukrainischen Rivalen von Volyn Lutsk, der pikanterweise vom früheren Karpaty-Torwart Andrii Tlumak trainiert wurde, mit viel Glück der Klassenerhalt. Nach einigem hin und her erhielt dann Chyzhevskyj die Zusage, die Mannschaft in die neue Saison führen zu dürfen.

Ihm zur Seite gestellt wurde der wohl bekannteste ukrainische Agent, Vadym Shablij, der neue Spieler (für wenig Geld) heranschaffen sollte. Das war auch mehr als nötig, hatten doch fast alle Leistungsträger der letzten Saison den Club verlassen: sowohl der rechte Verteidiger Denys Miroshnichenko als auch der rechte Flügelspieler Serhij Myakushko weigerten sich, ihre auslaufenden Verträge zu verlängern und verließen den Verein ablösefrei. Martin Hongla, der im defensiven Mittelfeld als Stabilisator und Spielmacher unverzichtbar geworden war, wurde von seinem Stammclub aus der Leihe zurückgeholt, was dem Club 350,000 Euro einbrachte – leider weit weniger als was der Spieler nach seiner starken Saison mittlerweile wert war.

Folglich stand zum zweiten Mal nach zwei Jahren ein kompletter Um- bzw. Neuaufbau der Mannschaft an. Von “Los Karpatos” ist dabei nicht viel übrig geblieben: Di Franco ist der letzte verbliebene Spieler mit südamerikanische Hintergrund, alle anderen sind in der zwischenzeit verkauft oder entlassen worden. Von den nun verpflichteten Neuankömmlingen haben bis auf eine Ausnahme alle einen ukrainischen oder zumindest europäischen Hintergrund.

Im Tor gab es einen Neuanfang: Kuchynskyi und Penkov wurden beide entlassen, dafür wurde Roman Pidkivka nach starker Saison von Arsenal Kyiv zurückgeholt und Oleh Kudryk von Shakhtar II auf Leihbasis verpflichtet.

In der Verteidigung war die Veränderung nicht weniger radikal: bis auf Oleksii Kovtun musste die gesamte Innenverteidigung gehen, dafür kamen Serhii Vakulenko (IV) von Shakhtar II, die Luxemburgischen Nationalspieler Marvin Martins (RV) und Tim Hall (IV) beide von Pr. Niederkorn, Vladyslav Dubinchak (LV) ausgeliehen von Dynamo Kyiv II und Routinier Oleksandr Kucher (IV), der zuletzt vertraglos war. Weiter im Kader ist Andrii Busko (RV).

Nach den besagten Abgängen von Leistungsträgern im Mittelfeld wurde nicht versucht, deren Positionen direkt neu zu besetzen, stattdessen kamen einige Spieler für das zentrale Mittelfeld: Artem Kozak von Arsenal Kyiv, Abukar Mohamed auf Leihbasis (mit Kaufoption) von Lazio, Volodymyr Yakimets von Shakhtar II und Yehor Nazaryna auf Leihbasis (mit Kaufoption) von Royal Antwerpen, außerdem den offensiven Mittelfeldspieler Frane Vojković von Hajduk Split II. Ansonsten ist Rückkehrer Nazar Verbnyi wieder im Kader, Dmytro Klyots mittlerweile Kapitän seiner Mannschaft, und Nachwuchsspieler Roman Tolochko steht an der Schwelle zu einem Platz in der ersten Mannschaft.

Im Sturm gab es, obwohl hier ein besonders offensichtliches Problem der Mannschaft lag, keine ganz großen Transfers. Es kamen einige Jungspieler – Hisham Layous (18) aus Israel und Kiryl Kirylenka (18) aus Belarus und João Diogo Jennings (20) für ein Jahr ausgeliehen vom brasilianischen Zweitligisten Figueirense FC. Für das Sturmzentrum wurde praktisch in der letzten Minute der moldawische Nationalspieler Alexandru Boiciuc (22) von Vejle BK verpflichtet. Ein wenig Hoffnung machte in der Vorbereitung auch der junge Flügelspieler Rostyslav Lyakh, der schon einige Male für die erste Mannschaft auf der Ersatzbank gesessen hat. Interessanterweise wurden sowohl Ihor Karpenko als auch Andrii Remenyuk trotz starker Leistungen in den Vorbereitungsspielen doch wieder verliehen. Weiterhin wurde Kevin Méndez aus disziplinarischen Gründen gefeuert, und, wenig überraschend, Roman Debelko als nicht gut genug befunden und freigestellt.

Taktisch wurde es unter Chyzhevskyj variabler: zunächst dominierte ein 4:3:3 mit einem Dreieck im Mittelfeld, das durch Verschiebung auch zu einem 4:2:3:1 mutieren konnte. Später wurde dann wieder ein 3:4:3 präferiert. Dabei gelang es, einer der größten Schwächen der letzten Saison, der Anfälligkeit in der Defensive, zu begegnen: die Mannschaft wirkte hinten weit stabiler und überhaupt besser organisiert.

Diese Verbesserungen waren trotz des Anfangsprogramms, wo es an den ersten zwei Spieltagen gegen Dynamo und Shakhtar wie erwartet 0 Punkte und 0 Tore gab, nicht zu übersehen. Die ersten Punkte kamen dann in den Spielen gegen Mariupol (Unentschieden), Olimpik (Sieg) und Desna (Unentschieden).

Reset nach 6 Spieltagen

Aber ungeachtet der deutlichen Verbesserungen folgte nach 6 Spieltagen eine Überraschung: Chyzhevskyj wurde entlassen und statt seiner der frühere Trainer von Olimpik, Roman Sanzhar, berufen. Es galt in Insiderkreisen als sicher, dass Sanzhar bereits seit längerem von Vadym Shablii präferiert worden war, der nun am Ende offenbar seinen Willen durchgesetzt hatte. Bei den Fans war diese Personalentscheidung mehr als unpopulär: ein Donezker, der eine längere Auszeit hinter sich hatte, statt eines früheren Karpaty-Spielers, der die Mannschaft bereits deutlich hatte weiterentwickeln können.

Dennoch ist Sanzhar ein interessanter Mann. Wie sein Vorgänger im Amt ist er noch relativ jung (40) und ein früherer Profispieler. Er hatte es geschafft, 2016/2017 mit einer Billigtruppe bei Olimpik den vierten Platz in der Liga und damit die Qualifikation zur Gruppenphase der Europa League zu erreichen. Er gilt zudem als gut qualifiziert und Vertreter eines modernen Fußballs. Der Kader dürfte ihm dank seiner Verbindungen zu Shablij vertraut sein, und das zuvor gespielte 4:3:3 ähnelt dem von ihm bevorzugten 4:2:3:1.

Ausblick

Nach der letzten Saison hatten Karpaty wie ein Abstiegskandidat gewirkt. Das ist allein mathematisch eher unwahrscheinlich, weil am Ende dieser Saison aufgrund der Aufstockung der Liga auf 14 Mannschaften nur ein Team absteigen wird. Aber auch so sollte der Kader gut genug sein, um die Klasse zu halten. Und wir wären nicht bei Karpaty, wenn nicht jetzt schon wieder einige von einem Platz unter den ersten 6 träumten. Angesichts der aktuellen Probleme dürfte das ebenso unwahrscheinlich sein. Eher realistisch scheint hingegen ein Platz im Tabellenmittelfeld.

Das Team des neuen Trainers – und das Management des Clubs – werden auf eine gewisse Weise den Weg, den Oleh Smalijchuk, der Vater von “Los Karpatos” eingeschlagen hatte, fortsetzen müssen: versuchen, eine konkurrenzfähige Mischung aus Erfahrung und Talent aus den eigenen Reihen zusammenzufügen, in der junge Spieler sich entwickeln können, ihrer Mannschaft helfen und dann durch Verkauf Gewinn einfahren, den der Verein zum Überleben braucht.

Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass es alles andere als leicht ist, eine gute Balance dabei zu finden, und das ist nicht das einzige, was zu dem ungeheuren Druck beiträgt, der aktuell auf Roman Sanzhar lastet. Ein guter Teil der Fans ist ihm gegenüber offen feindselig eingestellt, weil er ihm die Entlassung seines populären Vorgängers Oleksandr Chyzhevskyj vorwirft. Er muss nun zeigen, dass unter seiner Führung das Team sich entscheidend verbessert und schließlich, dass er am Ende kulturell zum Verein und seinem Umfeld passt.

Die Vereinsführung wiederum muss verstehen, dass das Berufen eines neuen Trainers noch keine große Leistung ist. Um das Erbe von “Los Karpatos” erfolgreich zu machen, muss sie sich klar zu ihrer Aufgabe bekennen. Von zentraler Wichtigkeit ist dabei die Akademie, die aktuell schon eine der besseren der Liga ist. Sie braucht Unterstützung, organisatorisch und finanziell, denn nur so kann sie weiter Spieler produzieren, die es in die erste Mannschaft schaffen. Nur so kann der Club finanziell auf eigenen Füßen stehend überleben.

Dass diese Saison schon entscheidend sein könnte für das Schicksal des Clubs, scheint voreilig. Doch sind die Änderungen der letzten drei Monate schon ähnlich radikal wie die, die vor zwei Jahren mit “Los Karpatos” Einzug hielten. Was auch immer daraus wird, langweilig wird es nicht.

Dies ist eine gekürzte Version des Artikels Karpaty Lviv – Life after „Los Karpatos“, der diese Woche auf futbolgrad erschien.