Denys Kozhanov: Die Entscheidung für Karpaty war für mich keine Frage der Finanzen

Den 34-jährigen Offensivspieler Denys Kozhanov kann man problemlos als Karpaty-Legende bezeichnen: er war einer der Führungsspieler der großen Karpaty-Mannschaft, die sich 2010 für die Gruppenphase der Europa League qualifizierten und im legendären Heimspiel gegen Borussia Dortmund nach großem Kampf 3:4 unterlag. Fünf Jahre, nachdem er die Grünweißen verließ, ist er nun nach Lviv zurückgekehrt und ist Kapitän des „neuen“ FK Karpaty. In einem großen Interview mit unseren Freunden von Brutalnyj Futbol gibt Denys Einblicke in das, was ihn antreibt, im gehobenen Fußballeralter Teil der Wiedergeburt des Clubs sein zu wollen.

Denys, bald beginnt die nächste Saison deiner Karriere, und zwar in der Druha Liha (ukr. 3. Liga). Was ist Deine Erwartung?

Als ganz normale Meisterschaft ist da nichts Übernatürliches. Das Niveau wird wahrscheinlich ganz einfach ein wenig niedriger sein wird als in der UPL oder Perscha Liha (ukr. 2. Liga). Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass wir aufs Feld gehen, die Ärmel hochkrempeln und uns denken, dass wir unsere Gegner quasi auf einem Bein schlagen werden. Nein, es wird sehr schwierig, und man muss sich richtig auf diese Spiele vorbereiten. Was den Einsatz betrifft, ist die Druha Liha wahrscheinlich noch härter als die Perscha Liha. 

Warum hast Du Dich entschieden, Minaj für die in der Druha Liha spielenden Karpaty zu verlassen?

Bei Minai lief mein Vertrag aus, es hatte keinen Sinn, dort zu bleiben, weil ich dort nicht gerade die beste Zeit verbracht hatte. Als sich die Option mit Karpaty ergab, nahm ich das Angebot sehr schnell an. Es ist ein gutes Projekt, zumal „Karpaty“ nun einmal „Karpaty“ sind.

Wie würdest Du die Rückkehr von Minaj in die UPL kommentieren?  

Ich weiß nicht, was ich hier kommentieren soll. Ich möchte ihnen nur viel Erfolg in der UPL wünschen, dass sie dort mit Würde auftreten, und das ist auch alles. Gemäß der Regularien mussten sie Olimpik dort ersetzen [Olimpik hatte sich aus der UPL zurückgezogen], Minaj war der erste Anwärter, der wollte und es dann auch wurde. Ich weiß nicht, ob Ahrobisnes [der Club des früheren Karpaty-Trainers Oleksandr Tschyzhevskyj] in die UPL wollte oder nicht, da müsste man vermutlich vor allem das Management fragen. Minaj wollte höchstwahrscheinlich bleiben – sie haben es verdient.

Andrij Tlumak ist der Cheftrainer von Karpaty. Ihr habt früher schon mal für Karpaty zusammen gespielt, und später war er Dein Trainer bei Volyn‘. Wie gehst Du mit ihm um, und gibt es zwischen Euch eine Hierarchie?

Natürlich gibt es eine Hierarchie: Er ist Trainer und ich Fußballspieler. Ja, wir haben früher zusammen gespielt, aber jetzt ist Tlumak schon Trainer, und ich bin immer noch ein Spieler. Daher ist es natürlich, dass wir einen Abstand einhalten. Ich spreche ihn mit „Andrij Bohdanovytsch“ an. Er ist immer so emotional, sowohl während der Spiele als auch im Training, aber jeder weiß, dass Tlumak im normalen Leben ein ruhiger Typ ist. Aber bei Spielen oder im Training ist das ganz anders.

Hattenst Du bei Minaj ein höheres Gehalt als jetzt in Karpaty?

Ja, hatte ich. Als ich zu Karpaty ging, war das keine Frage der Finanzen. Es geht mir hier um das Team, die Stadt und die Fans.

Das Budget von Karpaty ist für einen Club der Druha Liha geradezu astronomisch. Erzeugen diese Beträge zusätzlichen Druck auf die Spieler?

Ich denke nicht. Generell sollten wir nicht auf unser Budget schauen, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir müssen auf den Fußballplatz gehen, spielen und gewinnen, das Finanzielle ist natürlich nicht unsere Sache. Jeder Spieler hat einen eigenen Vertrag, in dem alles steht. Es ergibt keinen Sinn, auf unser Budget zu schauen.

Wenn das Team die Aufgabe nicht erfüllt und den Aufstieg in die Perscha Liha verpasst, was passiert dann mit dem Club? 

Daran will ich nicht einmal denken. Wir haben eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Davon, dass wir nicht aufsteigen, möchte ich nichts hören. 

Kozhanov, Tschatschua, Tkatschuk, Kutschynskyj, Lobaj sind Spieler, die früher bereits bei Karpaty waren. Mit welchen anderen früheren Spielern würdest du noch gerne zusammen spielen? 

Ich würde gerne mit allen anderen spielen, aber wir alle verstehen, dass viele bereits ihre Karriere als Fußballer beendet haben. Der eine hat aufgehört, der andere kann aus irgendeinem Grund jetzt nicht zu diesem Team stoßen. Natürlich möchte ich, dass Khudob’yak, Holodyuk, Fedetskyj, Oshchipko dabei wären, klar will ich. Aber wir alle verstehen sehr gut, dass wir nicht mehr jung sind, also haben wir jetzt diejenigen versammelt, bei denen es möglich war.

Derzeit gibt es keine Legionäre bei Karpaty. Ist das ein Plus oder ein Minus für das Team?

Für die Druha Liha brauchen wir wohl keine. Ich habe eine entspannte Einstellung zu Legionären. Wenn ein Spieler gut ist, ist es egal, ob er Legionär oder Ukrainer ist. Hauptsache, dass er der Mannschaft hilft. Als ich bei Karpaty war und es Spieler gab, die nicht aus der Ukraine kamen, mochte ich sie alle und fand mit allen eine gemeinsame Sprache. Wir hatten ein gutes Team, gingen raus, spielten und kämpften füreinander. Einer halft dem anderen.  

Du bist aktuell in sehr guter Verfassung, dabei bist Du schon 34 Jahre. Was ist Dein persönliches Erfolgsgeheimnis? Wie machst Du das? 

Im Allgemeinen gibt es da nichts spezielles, man muss sich einfach nur fit halten, vorbereiten, trainieren. Irgendein Geheimnis gibt es da nicht. Ich kann essen, was ich will. Ich habe auch keine spezielle Diät. Zum Beipsiel Pizza? Finde ich nicht schlecht nach Spielen.

Wo leben und trainieren Karpaty?

Soweit ich weiß, suchen sich aktuell alle Wohnungen, einige haben schon welche gefunden. Wir werden auf dem Gelände des Stadions „Ukrajina“ trainieren, auf den „höhergelegenen Plätzen“. Im Stadion selbst ist der Platz sehr gut, sie schalten immer die Rasenbewässerung ein, natürlich wird uns dadurch einiges einfacher, das hoffe ich. Außerdem haben wir die Fans, die uns unterstützen werden. 

In Bartativ wird ein neuer Stützpunkt für Karpaty gebaut. Warst Du schon einmal dort? Und wie gefällt euch diese Idee?

Ja, ich war dort, aber das war noch in der Anfangsphase, bisher habe ich noch nichts gesehen – alle bereiten sich auf den Baubeginn vor. Es ist großartig, wenn das Team eine Basis hat, das bietet alle Möglichkeiten, sich gut vorzubereiten. Natürlich ist es besser, eine Basis mit Unterkunft zu haben. Wenn man zwei Trainingseinheiten hat, haben die Spieler die Möglichkeit, sich zwischendurch auszuruhen. Allein wegen der Anfahrten denke ich, ist es besser eine Basis zu haben, in der man nicht nur trainieren sondern auch leben kann.

Planst Du, Deine Karriere bei „Karpaty“ zu beenden oder bei einem anderen Verein?

Sollte ich meine Karriere bei Karpaty beenden, wäre das eine große Ehre für mich! In der Champions League? (lacht). Das wäre natürlich wie von einem anderen Stern.

Soweit ich weiß, nimmst Du an Trainer-Kursen teil. Möchtest Du Bohdanovytsch absetzen und Cheftrainer von „Karpaty“ werden?

Ich habe die Kurse bereits absolviert, habe also eine Trainerlizenz. Tlumak ersetzen? Nein, das werde ich nie tun. Andrij Bohdanovytsch ist Trainer, aber wir sind immer auch Freunde, also würde ich an so etwas nicht einmal denken. Bisher denke ich nicht an Trainerarbeit, ich spiele Fußball und möchte so viel wie möglich spielen, solange ich mich fit fühle. Was das danach betrifft, werden wir es erleben, wir werden sehen.

Welchen Trainer und seine Spielweise magst Du am meisten? 

Wenn wir Europa nehmen, ist es wahrscheinlich Giuseppe Guardiola. Von den Ukrainern mag ich Viktor Skrypnyk sehr.

Wer wird Deiner Meinung nach Euer Hauptkonkurrent im Kampf um den Einzug in die Perscha Liha sein?

Nun, „LNS“ und generell jede Mannschaft in der Druha Liha, die sich das zur Aufgabe gesetzt hat, wird kämpfen. Wer das dann konkret sein wird, werden wir im Laufe der Meisterschaft sehen.

Welche Spieler aus der Druha Liha kennst Du, und hast du vielleicht mit jemandem davon schon mal im selben Team gespielt?

Ja, ich kenne viele Spieler von Livyj Bereh: Ishchenko, mit dem ich gespielt habe, Pasha Ksyons. Bei „LNS“ noch Popovytsch, Nasonov, Lopyryonok. Ich kenne eine ganze Menge.

In der neuen Saison haben wir das Karpaty-Derby in der Druha Liha. Wird das Euer wichtigstes Spiel in dieser Saison sein?

Das denke ich nicht, da wird es wichtigere geben: Gegen „LNS“, „Livyj Bereh“ – die werden nicht weniger wichtig sein. Für uns wird wahrscheinlich jedes Spiel wie ein Derby sein. Jeder versteht sehr gut, was Karpaty Lviv ist, da wird es auf dem Platz jedes Mal eine irre Motivation geben. 

Welche Aufgabe hat das Team für den ukrainischen Pokal? 

So weit wie möglich kommen, den Pokal hat niemand abgeschrieben. Es gibt die Meisterschaft, aber wir haben auch für dieses Turnier unsere Aufgaben. 

Was wünscht Du Dir mehr: dass Karpaty den Pokal der Ukraine oder die Druha Liha gewinnt? 

Dass Karpaty mit dem ukrainischen Pokal in die Perscha Liha aufstiege, das würde ich am liebsten haben. Wenn ich mich für eine Sache entscheiden müsste, ist der ukrainische Pokal besser, er ist prestigeträchtig, er ist eine Trophäe.

Gegen wen würdest Du am liebsten im Pokal der Ukraine spielen? 

Am meisten?.. Da gibt es keinen bestimmten Gegner, gegen den ich spielen möchte. Wenn ich noch nie gegen Shakhtar oder Dynamo gespielt hätte, hätte ich die vielleicht genannt. Aber ich habe gegen beide gespielt, also wer auch immer kommt, wir werden gegen ihn spielen. 1/8 Finale – PFK Lviv – Karpaty Lviv? Das würde natürlich ein gutes Spiel und Spannung geben. Vielleicht wäre es eine interessante Option, gegen die zu spielen.

Wie ist Deine Einstellung zu den anderen beiden Klubs der Stadt – Rukh und PFK Lviv?

Sie haben ihre eigenen Strukturen. Ganz allgemein habe ich eine entspannte Einstellung zu Rukh und PFK Lviv, sie haben ihre eigene Politik, ihre eigene Führung. Es ist gut, dass es in Lviv so viele Mannschaften gibt. Die Leute können zum Fußball gehen, UPL-Spiele sehen.

Hattest Du jemals Angebote von diesen Teams?

Ja (lacht). Von Rukh gab es mal ein Angebot, von PFK nicht. Die Umstände waren damals so, dass ich nicht zu Rukh wechselte. Ob ich zum PFK Lviv wechseln würde? Heute nicht!

Das Stadion „Ukrajina“ wurde herabgestuft, und Rukh darf dort keine UPL-Spiele abhalten. Wie kommentierst Du diese Entscheidung?

Keine Ahung, das interessiert mich eigentlich nicht. Das sind deren Fragen und Probleme. Wir haben andere Aufgaben, Rukh hat seine eigene Führung, die diese Probleme lösen muss. Im Moment haben wir ganz andere Aufgaben als Rukh. Wir müssen auf uns selbst schauen, nicht auf das, was denen passiert, wer ihnen was erlaubt hat. Es gibt Leute, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzen müssen. Ich denke, dass das Stadion „Ukrajina“ für UPL-Spiele komplett bereit ist. Warum das dann passiert ist? Ich weiß nicht, es gibt wahrscheinlich irgendwelche Umstände.

Was waren die drei besten Spiele Deiner Karriere? 

„Karpaty“ – „Borussia“ (Dortmund) – 3:4, „Karpaty“ – „Dynamo“ (Kyiv) – 1:0 und „Karpaty“ – „Shakhtar“ (Donezk) – 1:0. Das war so eine Phase, wo wir alle besiegten: Shakhtar, Dynamo, Dnipro, Metalist.

2019 hast Du in einem Sparrings-Spiel gegen PFK Lviv mit Absicht einen Elfmeter verschossen, weil es in der Szene, die zum Elfmeter führte, kein Foul gegeben hatte. Warum hast Du Dich dazu entschieden?

Ja, so war das. Es war nicht nur meine Entscheidung, sondern das ganze Team hatte es beschlossen. PFK Lviv wollte das Feld verlassen, es war ein Freundschaftsspiel. Um das zu verhindern, war es besser, ganz einfach kein Tor zu erzielen, damit das Spiel fortgesetzt würde. Wir verloren dieses Spiel, aber niemand hat mir vorgehalten, dass ich ohne Not einen Elfmeter geschossen hätte.

Wenn eine solche Situation in einem offiziellen Spiel aufträte, würdest Du dasselbe tun?

Das hängt von den Umständen ab. Wenn ich ganz deutlich sähe, dass der Schiedsrichter falsch lag, täte ich wahrscheinlich dasselbe. Schau Dir mal England an, wo jetzt so viel über Sterling und über diese Szene geredet wird, die ganze Welt sagt, es sei ein lächerlicher Strafstoß gewesen. Meiner Meinung nach war das kein Elfmeter. Ehrlich gesagt bin ich gegen den VAR. Unsere Schiedsrichter liegen mit ihm genau so oft falsch wie mit ihm. Und schließlich gibt es Emotionen, Du schießt ein Tor und willst Dich freuen, nicht stehen bleiben und abwarten, ob das Tor zählt oder nicht.

Tradition bei „Brutalnyj Futbol“: erzähl uns einen brutalen Witz oder eine Geschichte. 

Weiß ich nicht, ehrlich gesagt wäre es notwendig gewesen, mich darauf vorzubereiten. Schwierig, sich jetzt an etwas zu erinnern. Wie haben wir unseren Einzug in die Europa League gefeiert? Stürmisch, das will ich Dir erzählen. Wir feierten mit den Fans, und das war was. Ganz Lviv feierte, nicht nur die Spieler. Wir haben sofort im „Fashion“ angefangen zu feiern, wir hatten nach dem Spiel nicht einmal Zeit zum Umziehen, waren alle noch in Trainingsanzügen, als wir ins „Fashion“ fuhren.

Quelle: Brutalnyj Futbol, Verwendung mit freundlicher Genehmigung